Mit dem Rückenwind der Lilien

Mit dem Rückenwind der Lilien

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Konversionsflächen:
In der Manufaktur „Plattgold“ verwandeln Simeon König (links) und Kai Müller ausgediente Fahrradschläuche in Taschen und Tablet-Hüllen.
Foto: Guido Schieck

Von Klaus Honold

HANDWERK Darmstädter Manufaktur fertigt edle Accessoires aus alten Fahrradschläuchen – Gürtel „Schwarzer Weg“, Rucksack „Großer Woog“

DARMSTADT - Aus alten Fahrradschläuchen edle Taschen und Gürtel fertigen – mit dieser Geschäftsidee haben sich Kai Müller und Simeon König selbstständig gemacht. Seit dieser Woche sind ihre Waren im Handel.

Fünfhundert Jahre braucht ein Fahrradschlauch, bis er verrottet ist. Denn die Pneus werden längst nicht mehr aus Naturkautschuk hergestellt; das Material ist Industriegummi – ein Kunststoffprodukt auf Erdölbasis, wie die Plastiktüte.

Als Kai Müller sich mit Mitte vierzig überlegte, in seinem Leben noch etwas neues anzufangen – bis dahin war er Marketingleiter, dann Geschäftsführer eines großen Cateringunternehmens – wollte er es ökologisch anstellen, in jeder Hinsicht. Klein, sanft, regional und, nun ja, nachhaltig. Wie kann man mit Fahrradschläuchen nachhaltig umgehen? Diese Frage lag ihm dann plötzlich auf den Lippen.

Zweites Leben für die Pneus

Und da war sie, die neue Geschäftsidee: Nicht nur sich selber, sondern auch den Pneus ein zweites Leben gewähren, sie zurück in Rohstoff verwandeln. Als Material für Etuis, für Taschen, für Gürtel und andere modische Accessoires.

„Von Anfang an war dabei klar, es sollte nicht so laufen: Hier die Idee, und in Asien die Fertigung“, sagt Müller. „Wenn, dann sollte alles am selben Ort gemacht werden, und alle Bestandteile sollten aus Deutschland stammen.“

Der Ort ist Darmstadt, eine Etage der Kleinschen Höfe am unteren Ende der Elisabethenstraße. Dort befindet sich die Manufaktur, in der seit Mitte Mai die Kollektion entsteht, die unter dem Label „Plattgold“ verkauft wird. Der Vertrieb startete in dieser Woche, zunächst in Geschäften der Region und im Internet.

Warum Darmstadt, und warum Plattgold? Nun, um Darmstadt kreiste Müllers Leben bereits, ebenso das seines Kompagnons Simeon König. Kennengelernt haben sie sich im Zirkus Waldoni, wo König – zur Zeit noch HDA-Designstudent – als Techniker arbeitete. Auf König geht naturgemäß die Form der Dinge zurück, der Schnitt, der Schick. Als kreative Köpfe ergänzen sich jedoch beide.

Plattgold – die Erklärung dafür ist fast schon platt: Denn es ist ja der Platten, der in der Regel die Ausmusterung des Fahrradschlauchs verursacht. Dann wandert der in den Müll. Gold – weil der Pneu in Müllers und Königs Unternehmen nun eben veredelt wird.

Statt in den Müll kommen die Schläuche ins Paket. Die junge Firma hat sich bereits mit mehr als sechzig Fahrradhändlern verbandelt, von Norderney bis Mengen im Allgäu. Die sammeln die Altware und senden sie dann mit dem „grünen Service“ von DHL nach Darmstadt. „Wir haben gesagt, mindestens achtzig Schläuche pro Paket, damit die Logistik schlank bleibt“, erklärt Müller. Die Pakete, die sich bei Plattgold stapeln, haben das Format von Umzugskisten.

Breite Schläuche werden in Längsstreifen geschnitten und aneinandergenäht, so entstehen zum Beispiel Futterale für Laptops. Was einst von schmalen Reifen umhüllt wurde, taugt für Gürtel, und die ganz schmalen, auf denen einst Rennräder rollten, verwandeln sich in die Henkel rustikal-eleganter Handtaschen. Dafür hat die Firma Plattgold unterdessen drei Näherinnen eingestellt; weitere werden noch gesucht.

Gummi ist freilich nur die halbe Wahrheit. Denn alle Behältnisse von Plattgold haben ein Futter aus Filz, das Handys, Tablets und anderes Transportgut schützt. Den strapazierfähigen Stoff liefern deutsche Merinoschafe. So wie die nach purem Understatement aussehenden Schachteln, in die Plattgold seine Waren verpackt, von ei-nem Kartonagenhersteller aus Berlin stammt. Besonders stolz ist Müller auf seine Schnittmustersammlung. Die in einer Unmenge von Formen und Längen vorhandenen Vorlagen sind bei Farbenkrauth gefertigt worden, „eine super Arbeit“.

Glänzendes „p“ auf der Messingmünze

Was bei Steiff-Tieren der Knopf im Ohr ist, findet sich in der Plattgold-Kollektion als genietete Messingmünze wieder, auf der ein „p“ glänzt. „Jetzt“, so Müller, „wollen wir noch einen Stempel, hergestellt in Darmstadt‘.“ Es sei halt „einfach eine schöne Stadt“, deshalb habe man sich hier niedergelassen. Und deshalb tragen alle Produkte einen Namen mit lokalem Bezug. Da gibt’s die Tablethülle „Lichtwiese“, das Laptopetui „K 6“, den Rucksack „Großer Woog“ und den Gürtel „Schwarzer Weg“.

Die Filzrollen liegen in sechs Farben im Regal. Auch in Blau. Das brachte Müller und König auf eine weitere Idee: „Vielleicht legen wir eine Lilien-Serie als ,Limited Edition’ auf. Es ist ja Wahnsinn, auf einmal ist Darmstadt überall bekannt, der SV 98 ist ein super Vehikel für diese Stadt.“ Und nach einem kurzen Moment setzt Müller hinzu: „So sympathisch wie die Lilien wollen auch wir rüberkommen.“

Internet www.plattgold.de

Quelle: Darmstädter Echo 20.08.2015 /Lokales/Darmstadt
http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/mit-dem-rueckenwind-der-lilien_16024475.htm


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